Warum das Wort «alt» eine Renaissance braucht

In den letzten Jahren haben sich die Wahrnehmung von Altern und auch die Bedeutung von Altsein stark verändert. 80-Jährige fühlen sich wie 70-Jährige und 70-Jährige wie 60-Jährige. Man gilt vielleicht als alt, fühlt sich aber nicht danach. Neben der veränderten Wahrnehmung des eigenen Alters haben sich auch die Umstände des älterwerdens geändert: demografisch wie medizinisch. Warum genau geht die Schere zwischen gefühltem und tatsächlichem Alter aber immer weiter auf? Und wie bringt man älteren Menschen bei, dass Hilfe anzunehmen keine Altersfrage ist? Eine Momentaufnahme.

1889 legt die Zeitschrift für Schweizerische Statistik 65 Jahre als Beginn des «Greisenalters» fest. Würde man heute einen 65-jährigen Mitbürger als «Greis» titulieren, wäre das eine Unverschämtheit. Aus der Bezeichnung «Greis» ist «Senior» und heute neumodisch «Silver Surfer» geworden. Der «Silver Surfer» ist über 60 Jahre, orientiert sich beruflich neu oder beendet gerade seine Karriere und hat endlich wieder mehr Freizeit als noch in seinen Vierzigern. Neue Alterswohnkonzepte sehen in Menschen mit Alter 65+ eine wachsende Zielgruppe für Alterswohnungen.

Die Gründe dafür sind, dass Menschen mit 65 Jahren noch offener sind für einen Umzug und ein neues soziales Umfeld. Anders als bei den meisten übertritten in Alterszentren ist der Umzug dann weniger einschneidend. Statt 80-jährig den Ort und das Umfeld wechseln zu müssen, kann das mit 65 Jahren noch selbst in die Wege geleitet werden. Man kann sich einleben, Kontakte knüpfen und ergänzende Dienstleistungen in Anspruch nehmen, wenn sich der Bedarf danach einstellt. In der Theorie hört sich das Prinzip Alterswohnung schlüssig an. Aber wie lässt es sich praktisch mit der Wahrnehmung des älterwerdens vereinen?

Heutzutage stufen sich ältere Menschen per se um die zehn Jahre jünger ein. Und fühlen sich auch so.

«Alt»: ein in die Jahre gekommener Ausdruck

Leonie Uhlmann, Assistenzärztin der Geriatrie im BESAS, erlebt die veränderte Wahrnehmung von Altern jeden Tag. «Für mich ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich Patienten mit ihrem Alter umgehen. Viele sind stolz auf ihr erreichtes Alter und darauf, wie sie sich gehalten haben. Es gibt sogar betagte Patienten mit fortgeschrittener Demenzerkrankung, die das Gefühl haben, sie wären 30 und sich auch so fühlen. Andere hingegen benutzen ein Alter von 70 als Argument, wenn sie keine Abklärungen oder Operationen mehr wollen.» Leonie Uhlmanns jüngste Patienten sind selten unter 65 Jahren. Sie kommen nach einer akuten Erkrankung oder Operation zur Rehabilitation ins Spital oder wenn die Situation zu Hause nicht mehr tragbar ist. 

Was häufig vorkommt, ist, dass sich Menschen lange als selbstständig genug wahrnehmen, um auf Hilfe zu verzichten. Studien sehen hier die Schwierigkeit, dass man sich auf das Altern einfach nicht eingestellt hat. In der Regel stufen sich Menschen also zu spät als alt ein. Auch die Forschung sieht sich mit dieser Schwierigkeit konfrontiert. So bauen die Fachhochschule St. Gallen und die Universität Genf schweizweit gemeinsam an sogenannten «Living Labs 65+». In ihnen werden Assistenzsysteme getestet, die ein selbstbestimmtes Leben fördern sollen. Der häufigste Grund für eine Nichtakzeptanz des Systems ist eine scheinbar vorliegende Stigmatisierung des Alters. «Im medizinischen Fachjargon ist das ähnlich», berichtet Leonie Uhlmann. «Auch wir beurteilen die Selbstständigkeit einer Person. Im Gespräch fällt aber in den seltensten Fällen der Ausdruck ‹unselbstständig›. Wir reden eher von einer eingeschränkten Selbstständigkeit.»

Alt ist nicht gleich gebrechlich: Leonie Uhlmann, Assistenzärztin Geriatrie im BESAS

«Jung» ist das neue «Alt»

Woher kommt die Sensibilität gegenüber Begriffen, Einstufungen und Wohnformen? Eine Antwort könnte sein, dass Menschen sich per se jünger einstufen, weil ihre eigenen Eltern bereits länger gesund sind und älter werden als noch eine Generation vorher. Und statt sich mit dem eigenen älterwerden zu beschäftigen, wird immer häufiger die Zukunft der eigenen Eltern abgeklärt. Denn bis 2035 ist laut Prognosen des Bundesamts für Statistik in der Schweiz ein Viertel der Bevölkerung im Pensionsalter oder älter.

Das bedeutet einerseits, dass 65-Jährige theoretisch vor den eigenen Eltern auf fremde Hilfe angewiesen sein könnten und andererseits, dass Krankheit und Gesundheit neu betrachtet werden sollten. Medizinisch findet der Wandel dazu insofern statt, dass nicht mehr im Vordergrund steht, um jeden Preis «am Leben zu erhalten», sondern die Lebensqualität zu steigern. «Ein Schenkelhalsbruch wird auch im hohen Alter operativ versorgt, damit der Patient möglichst schnell wieder mobil ist», so Leonie Uhlmann. «Und gerade in der Folge solcher Operationen braucht es häufig Unterstützung im Alltag.»

Alterswohnung = altersgerechtes Wohnen

Alterswohnungen, wie jene im Alterszentrum Alenia, liegen infrastrukturell gut versorgt und inmitten gesellschaftlicher Aktivitäten. Denn was das Altern heute wie gestern mit sich bringt: Das gewohnte soziale Umfeld verkleinert sich. «Ich glaube, ein funktionierendes soziales Umfeld ist für die Psyche in jedem Alter sehr wichtig und hält immer fitter, als alleine zu leben. Das höre ich immer wieder von Patienten selbst», so Assistenzärztin Uhlmann, selbst 28 Jahre alt. Der Schweizerische Versicherungsverband kommt damit überein: Er nennt als Gründe für Lebensqualität bis ins hohe Alter eine sichere sozialmedizinische und pflegerische Versorgung, ein selbstbestimmter Umgang mit Einschränkungen, das Bewahren von Neugier, das Versöhntsein mit der eigenen Lebensgeschichte und in Gesellschaft zu leben.

Muss man also lediglich positiv denken, und alles regelt sich von alleine? «Ich denke, nicht nur Menschen über 65 sollten sich bewusst machen, dass Veränderungen auf sie zukommen können. Auch wir Jungen sollten ‹Altern› nicht gleich mit ‹gebrechlich› assoziieren», folgert Leonie Uhlmann. «Häufig liegt es an der konventionellen Bedeutung von ‹alt›, dass wir uns selbst nicht damit assoziieren. Es liegt aber nicht daran, dass Alterswohnungen zu wenig Komfort oder zu viel Hilfe bieten. Barrierefreie Wohnungen sollten häufiger zum allgemeinen Ausbaustandard gehören.» Eben weil es in der Zukunft mehr «Silver Surfer» geben wird oder eben Menschen, die sich ihre Lebensumstände bewusst gemacht haben.

Elsa Horstkötter