Wo die Reise hingeht

Die Lebenserwartung steigt, und auch die Vorstellung davon, wie wir in dieser letzten Lebensspanne begleitet werden möchten, verändert sich fortwährend. Wie bereitet sich das Alenia auf diese demografischen, gesellschaftlichen und alters­politischen Umwälzungen vor? Wir fragen nach bei Verwaltungsratspräsident
Hans-Rudolf Saxer und Direktor Peter Bieri.

Im Jahr 2030 werden in der Schweiz mehr als zwei Millionen Menschen leben, die über 65-jährig sind. Auch die Zahl von Menschen mit chronischen und mehreren Erkrankungen steigt laufend. Was bedeutet das für eine Institution wie das Alenia?

Saxer: Aus rein unternehmerischer Sicht ist das erst einmal beruhigend: Wir können sicher sein, dass es uns auch in Zukunft braucht, und setzen uns weiterhin dafür ein, unseren Leistungsauftrag optimal zu erfüllen.

Bieri: Mit der Zusammenarbeit mit der Spitex und den abgestuften Angeboten, wie sie das Alenia geschaffen hat, sind wir gut aufgestellt für die kommenden Herausforderungen. Die integrierte Versorgung ist eine gute Antwort auf die demografischen Veränderungen und die unterschiedlichen Bedürfnisse im Alter.

Die Anliegen der «Silver Agers» wandeln sich laufend. Wie gut ist das Alenia derzeit auf Kurs, was die Bedürfnisse künftiger Seniorinnen und Senioren anbelangt?

Bieri: Ich bin seit 25 Jahren hier im Alenia tätig. Früher existierten sehr lange Wartelisten; die Leute waren froh, wenn sie einen Pflegeplatz ergattern konnten. Dies hat sich geändert. Heute beobachten wir eine ganz andere Grundhaltung: Ältere Menschen warten zu, wollen erst einmal wissen, wer wir sind und was wir können. Sie gehen von ihren Ansprüchen aus und prüfen, wer diesen gerecht werden könnte. Gerade deshalb müssen wir uns laufend mit den Bedürfnissen unserer aktuellen und zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner auseinandersetzen und wo immer möglich darauf reagieren.

Saxer: Das deckt sich ganz mit meiner Beobachtung: Früher hat ein Altersheim sein Angebot definiert, das es so anzunehmen galt. Das ist heute nicht mehr so. Ich finde es richtig, dass unsere Bewohnerinnen und Bewohner sagen, was sie möchten und wie sie sich wohlfühlen. Es gehört zu unserem Auftrag, diesen Wünschen so weit wie möglich zu entsprechen. Das haben wir gerade erst getan im Rahmen unserer letzten Bauprojekte. Bei den Neu- und Umbauten an der Worbstrasse/Nussbaumallee und der Bahnhofstrasse wurden auf vielfältigen Wunsch hin Fitnessräume eingebaut. Heute zeigt sich: Die Nachfrage nach diesen Trainingsmöglichkeiten ist gross.

Der Verwaltungsrat des Alenia hat im August die Strategie 2027 diskutiert und verabschiedet. Gibt es einen unter den sechs Entwicklungsschwerpunkten, der Ihnen besonders am Herzen liegt?

Bieri: Für mich haben alle sechs Themen oberste Priorität. Mir persönlich ist es wichtig, dass wir uns das über allem stehende Ziel immer wieder vergegenwärtigen: eine individuelle, professionelle und umfassende Lebens- und Wohnqualität im Alter sicherzustellen.

Saxer: Diese Meinung teile ich. Wir dürfen keinen der sechs Schwerpunkte ausser Acht lassen. Und dennoch: Wenn ich einen besonders hervorheben müsste, würde ich mich für jenen der Personalentwicklung/Arbeitgeber-Attraktivität entscheiden. In den letzten fünf Jahren haben wir viel Geld in die Infrastruktur investiert; sie ist heute auf einem topmodernen Stand. Aber die schönsten Häuser nützen nichts, wenn nicht hoch qualifiziertes Personal zur Stelle ist; fachlich kompetente, engagierte und empathische Mitarbeitende sind der Schlüssel zu allem.

«Dank der Verbundlösung mit der Spitex sind jetzt auch Mitarbeitende bei uns aktiv, die aus der ambulanten Pflege kommen.»

Hans-Rudolf Saxer, Alenia-Verwaltungsratspräsident

Welches waren die grössten Herausforderungen bzw. Spannungsfelder, die sich bei der Erarbeitung dieses fast 50-seitigen Dokumentes zeigten?

Bieri: Wir haben während dieses Prozesses nach innen, aber auch nach aussen geschaut. Dabei mussten wir zig Faktoren im Auge behalten und in unsere Arbeit einfliessen lassen. Dazu gehörten statistische oder geschichtliche Eckwerte wie auch brandaktuelle Fragen zur Digitalisierung. Als anspruchsvoll erwies es sich auch, dass wir es nicht bei der Analyse des jetzigen Zustandes belassen konnten, sondern ebenso Antworten auf zukünftige Szenarien finden mussten.

Saxer: Es war ein sehr komplexes Projekt. Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Strategie zog, war die nach den finanziellen Mitteln. Nur wenn diese vorhanden sind, lassen sich unsere qualitativ hochstehenden Dienstleistungen finanzieren.

Inwiefern wirkt sich die neu überarbeitete Strategie auf eine ältere Person aus, die trotz grossem Unterstützungsbedarf im Moment noch zu Hause lebt?

Bieri: Mit der integrierten Versorgung, wie sie heute in der Gemeinde Muri-Gümligen etabliert ist, ergeben sich für ältere Menschen viele Vorteile: Für sie stehen die Chancen gut, dass sie in jedem Stadium der Betreuung die gleichen Fachpersonen antref­fen – zu Hause, im Tagestreff oder beim Wohnen mit Dienstleistungen. Gerade ältere Menschen wissen das oft zu schätzen; die Übergänge sind so viel fliessender, und der Schritt in die Institution wird einfacher. Wir dürfen nicht vergessen: Der Umzug in ein Alterszentrum ist für die meisten Betroffenen nach wie vor anspruchsvoll – man lässt vieles zurück.

«Wir prüfen neue, digitale Ansätze bei alltäglichen Vorgängen wie dem Bestellen von Essen. Die eingesparte Zeit wird dann für andere Bedürfnisse zur Verfügung stehen, beispielsweise für Gespräche mit den Bewohnenden.»

Peter Bieri, Alenia-Direktor

Seit Anfang dieses Jahres arbeiten die Spitex und das Alenia eng zusammen. Inwieweit ist diese Verbundlösung zwischen ambulanter und stationärer Pflege und Betreuung in der Strategie abgebildet?

Saxer: Sie ist einer der sechs Entwicklungsschwerpunkte. Ziel ist es, Synergien inhaltlicher und betrieblicher Natur optimal zu nutzen. Es ist ein spannender Prozess, und wir leisten in diesem Bereich auch eine Art Pionierarbeit, zumal im Raum Bern erst einzelne Institutionen ein solches System aufgebaut haben.
Dank der Verbundlösung mit der Spitex sind jetzt auch Mitarbeitende bei uns aktiv, die aus der ambulanten Pflege kommen. Das ist ein grosser Mehrwert: Sie haben zum Teil eine andere Herangehensweise als Fachleute aus dem stationären Bereich. Dieses neue Miteinander führt zu spannenden, fruchtbaren Diskussionen. Ich bin zuversichtlich, dass wir so auch für unsere Bewohnenden einen Mehrwert schaffen können.

Auf einer Skala von 1 (moderat) bis 10 (fortgeschritten): Wo steht das Alenia derzeit punkto Digitalisierung, und wie vordringlich ist dieses Thema?

Bieri: Wir waren eines der ersten Heime, die über eine elektronische Pflegedokumentation verfügten. Momentan befinden wir uns etwa bei 4 bis 5. Oder anders gesagt: Wir sind auf dem Weg und mitten in einem vordringlichen, stetigen Prozess, der viel Potenzial hat.

Saxer: In den letzten zehn Jahren haben wir zu Recht vor allem in die bauliche Infrastruktur investiert. In den nächsten Jahren werden die verfügbaren Mittel vor allem in die Personalentwicklung und die Digitalisierung fliessen.

Gehen wir auf Zeitreise: Werden im Jahr 2050 Roboter durchs Alenia navigieren und Seniorinnen und Senioren mit Virtual-Reality-Tools trainieren?

Bieri: Jein. Der Pflege- und Betreuungsprozess wird sich nicht verändern, weil hier die Beziehung das A und O ist. Maschinen vermögen solche Beziehungen nicht herzustellen, aber sie können unterstützen – zum Beispiel in der Pflege, Betreuung oder Küche. Nach solchen Hilfsmitteln halten wir Ausschau, da stecken wir noch in den Kinderschuhen. Deshalb ist die digitale Transformation und Innovation auch ein Entwicklungsschwerpunkt.
Derzeit sind wir zusammen mit anderen Heimen beispielsweise auf der Suche nach guten Softwarelösungen, denn es gibt noch kaum standardisierte Lösungen für Heime. Weiter prüfen wir neue, digitale Ansätze bei alltäglichen Vorgängen wie dem Bestellen von Essen. Dieser Prozess ist heute sehr zeitintensiv; neue Technologien könnten hier Unterstützung bieten. Die eingesparte Zeit wird dann für andere Bedürfnisse zur Verfügung stehen, beispielsweise für Gespräche mit den Bewohnenden.

Saxer: Dieser Punkt scheint mir besonders wichtig: Neue Technologien sollen ein Mittel zum Zweck sein. Ziel ist es, möglichst viel Zeit bei Pflegenden freizumachen, damit sie sich auf ihre Kernaufgaben, die Pflege und Betreuung, konzentrieren können.

«Die schönsten Häuser nützen nichts, wenn nicht hochqualifiziertes Personal zur Stelle ist.»

Hans-Rudolf Saxer, Alenia-Verwaltungsratspräsident

Das Leistungsangebot des Alenia ist seit der Gründung kontinuierlich ausgebaut worden, um älteren Menschen Optionen und massgeschneiderte Unterstützung zu bieten. Geht dieses Modell auch wirtschaftlich und personell auf?

Saxer: Das ist eine ständige Herausforderung, zumal es in vielen Bereichen keinen Handlungsspielraum gibt; beispielsweise bei den Pflegetarifen in der Langzeitpflege. Dennoch: Unsere Ausgangslage ist eine gute. Wir sind ein Tochterunternehmen der Gemeinde Muri, haben einen öffentlich-rechtlichen Status und müssen der Gemeinde nicht Geld aus einem allfälligen Erfolg abliefern. Jeder erarbeitete Franken bleibt in unserem Betrieb. Auf der anderen Seite erhalten wir auch keinen finanziellen Zuschuss, wenn Ende Jahr die Rechnung nicht aufgeht. Das ist gut so, denn so haben wir die richtigen wirtschaftlichen Anreize, um über die Jahre ausgeglichene Resultate zu erzielen.
Damit dies gelingt, scheinen mir zwei Punkte vordringlich: Erstens sollten alle unterstützenden Prozesse mit nicht direktem Bewohnerkontakt schlank organisiert sein und mit digitalen Hilfsmitteln weiter optimiert werden. Zweitens möchten wir Freiwillige noch mehr als bisher integrieren. Sie bereiten unseren Bewohnenden viel Freude – mit Extras wie Ausflügen, die wir selbst aus wirtschaftlichen Gründen nicht durchführen können.

Hat der finanzielle Druck in den letzten Jahren zugenommen?

Bieri: Auf alle Fälle. Wir müssen das Korsett enger schnallen. Aber ich bin guter Dinge, dass uns das gelingt. Früher konnten wir Rückstellungen für Projekte machen. Die Belegung und der Arbeitsmarkt waren gut. Heute ist die Situation nicht mehr so komfortabel, weshalb die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit in der Strategie einen grösseren Stellenwert hat.

Wie geht es in den nächsten Monaten mit der Strategie weiter?

Saxer: Der Verwaltungsrat hat die Strategie nun verabschiedet. Diesem Schritt gingen umfangreiche Vorbereitungsarbeiten auf Stufe Geschäftsleitung und Kader voraus. Viele Mitarbeitende sind von Anfang an in den Prozess integriert worden und haben in irgendeiner Form mitgewirkt. Die Strategie ist deshalb in unserem Unternehmen gut abgestützt. Nun liegt der Vollzug in den Händen der Geschäftsleitung.

Bieri: Wir in der Geschäftsleitung wollen die Strategie jetzt kommunizieren, die Ressourcenfragen klären und dann Schritt für Schritt vorangehen mit dieser neuen Roadmap.

Interview: Tanja Aebli
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