Hefe, Mehl und Wasser oder Schokolade, Zucker und Marzipan

Über Jahrzehnte bestimmten diese Zutaten den Alltag von Heinrich Reber, Bäckermeister in der vierten Generation. Rezepte verrät er keine, dafür erzählt er uns mehr aus seinem Leben.

Steckbrief

Name: Heinrich Reber
Aufgewachsen in: Bern und Muri
Alter: 95 Jahre
Beruf: Bäcker / Konditor, Gewerbelehrer
Im Alterszentrum Alenia seit: 2015

Guten Tag, wie geht es Ihnen heute?
Seit Längerem leide ich unter einer Gürtelrose. Die damit verbundenen Schmerzen sind nur durch Medikamente erträglich. Auf das Interview freue ich mich aber. Das Gespräch lenkt mich von den Gedanken an die Krankheit ab.

Wie erlebten Sie den Eintritt in das Alterszentrum Alenia?
Ich hatte mir schon vor Jahren Gedanken über einen Heimeintritt gemacht. Die Station Altersheim wollte ich allerdings überspringen und erst in ein Pflegeheim eintreten, wenn ich schwer pflegebedürftig sein sollte. Völlig unerwartet verstarb meine Frau im Jahr 2009. Plötzlich war ich alleine. Ich baute mir ein System auf, das mir ermöglichte, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Einzelne Mahlzeiten erhielt ich durch den Mahlzeitendienst, oder meine Tochter kochte für mich. Die Spitex unterstützte mich im Haushalt. Noch in diesem Frühjahr erledigte ich die Steuererklärung ohne Hilfe. Dieses System funktionierte bis im April 2015. Nach einem Sturz auf dem benachbarten Schulhausplatz wurde ich notfallmässig ins Spital eingeliefert. Der Heimeintritt wurde nun zur Realität. Der Sturz hatte für mich glücklicherweise keine schwerwiegenden Folgen, und mein Zustand verbesserte sich zusehends. Entgegen meiner früheren Meinung fühle ich mich hier sehr wohl.

Im Alterszentrum Alenia kennen Sie einige Ihrer Mitbewohnerinnen und -bewohner aus früheren Zeiten. Wie wertvoll sind diese Bekanntschaften für Sie?
Diese Bekanntschaften bedeuten mir viel. Es ist wertvoll für mich, wenn sich Bewohner oder Mitarbeitende an mich erinnern. So kann ich Erinnerungen an vergangene Tage im Alltag wieder aufleben lassen und fühle mich nicht isoliert.

Würden Sie uns mehr über die Bäckerei-Familie Reber erzählen?
Seit 1870 besass die Familie Reber in Muri eine Bäckerei. Ich wuchs zunächst aber im Brunnadernquartier auf, da mein Onkel den Betrieb in Muri führte. Ich war erst sechs Jahre alt, als meine Mutter verstarb. Durch diesen Schicksalsschlag brach unsere Familie auseinander. Mein Vater heiratete zwar ein zweites Mal, konnte sich aber beruflich nicht mehr etablieren. Wir zogen von Ort zu Ort und wechselten oft die Schulen. Irgendwann konnte er nicht mehr für uns sorgen, und so kehrte ich 1931 nach Muri zurück. Die Familie meines Onkels nahm mich liebevoll auf. Mein Cousin Fritz sollte den elterlichen Betrieb übernehmen. Ich liebte die Arbeit mit Holz und wollte unbedingt Schreiner werden. Doch auch diesmal schlug das Schicksal zu. Bei der Nougatherstellung verunglückte Fritz tödlich. 

Die Familie hatte so viel für mich getan, natürlich wollte ich ihnen etwas zurückgeben. Um den Familienbetrieb weiterzuführen, absolvierte ich also «contre mon cœur» eine Bäckerlehre. Ich sah meine Zukunft aber nicht nur in der Herstellung von Brot und Zwieback. Ich wollte das Sortiment erweitern. Während zweier Jahre erlernte ich deshalb in verschiedenen Konditoreien in Lausanne das Handwerk des Patissiers. Durch die erstklassige Qualität unserer Produkte und das neue Angebot mit Pralinen, Konfekt etc. konnte ich den Umsatz unseres Geschäftes stetig steigern. In den Jahren 1969 bis 1971 entstand der Neubau im heutigen Murizentrum. 1985 übergab ich das Geschäft Ueli Stalder, der als Betriebsleiter bereits fünf Jahre bei mir gearbeitet hatte. Inzwischen hatten wir Arbeitsplätze für 20 Mitarbeiter geschaffen.

Was gefällt Ihnen besonders am Zusammenleben in der Gemeinschaft und was weniger?
Ich bin sehr gesprächig und finde dieses Leben herrlich. Auch durch die wunderbare Betreuung fühle ich mich sehr gut aufgehoben.

Was würden Sie in Ihrem Leben anders machen, was nie mehr?
Ich kann nicht sagen, was ich anders gemacht hätte. Das Schicksal hat so entschieden; mir blieb keine Wahl. Schwere Schicksalsschläge und Lichtblicke ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich hatte aber immer den Ehrgeiz, nicht stehenzubleiben, sondern aus dem, was ich hatte, etwas Besseres zu machen.

Was ist Ihre liebste kulturelle Beschäftigung?
Musik, klassische und Unterhaltungsmusik und Theater.

Womit kann man Ihnen eine Freude bereiten?
Mit Freundlichkeit und wenn man mich so akzeptiert, wie ich bin.

Welche Lebenswünsche sind in Erfüllung gegangen, welche nicht?
Natürlich litt ich sehr unter dem Verlust meiner Mutter. Ich habe sie mir immer wieder zurückgewünscht. Ich hatte eine wunderbare Frau und habe vier Kinder, auf die ich stolz bin. Die Familie kam leider oft zu kurz. Meine Frau hat mich immer tatkräftig unterstützt. 62 Jahre waren wir verheiratet. 1958 leisteten wir uns ein eigenes Auto. Beim Austragen des Brotes sparten wir nun viel Zeit. Das alte Velo und der geflochtene Tragekorb hatten endlich ausgedient.

Was möchten Sie unbedingt noch erleben?
Das ich noch einmal mit meiner Frau zusammen sein könnte.

Können Sie jungen Menschen für ihr Leben einen Tipp geben?
Gewalt ist nie eine Lösung für Probleme. Und Gespräche mit Andersdenkenden sind wichtig. Man sollte zuhören und offenbleiben für andere Meinungen.

Monika Di Girolamo

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