Humor als Lebensmotto

20.05.2019

Dory Balmer feierte am 13. April 2019 ihren 100. Geburtstag. Die herzliche Dame ist kognitiv topfit und mit ihrem Rollator flink unterwegs. Sie lacht viel und blickt auf ein bewegtes und erfülltes Leben zurück.

Dory Balmer erinnert sich gut an ihren Umzug 1987 ins Alters- und Wohnheim Muri-Gümligen – wie das Alterszentrum Alenia damals noch hiess. Eine Freundin und zwei Diakonissinnen hätten ihr dabei geholfen. «Ich weiss noch, wie wir bei schönstem Wetter im Auto sassen, aber kaum wollten wir das erste Möbelstück ausladen, goss es wie aus Kübeln», erzählt sie. Freude hatte sie trotzdem: «Ich bekam viele Blumen und meine Wohnsituation wurde besser.» Von ihrer vorherigen Wohnung im Breitenrain sah sie nur an eine Hausmauer. Aber von in ihrer Zweizimmerwohnung an der Bahnhofstrasse 43, die sie seit 32 Jahren bewohnt, geniesst sie den Ausblick auf die Stockhornkette und den Niesen. «Jeden Morgen gehe ich als erstes im Nachthemd auf den Balkon, um zu überprüfen, ob man die Berge sieht.»
Seit ihrem Einzug ist viel Zeit vergangen. Dory Balmer hat viele Veränderungen miterlebt: Sie lernte vier Heimleiter kennen und beim Personal gab es ebenso Wechsel wie bei den Mitbewohnern. «Aber ich nehme alles an, wie es ist», sagt sie. Am meisten schätze sie, dass sie als alleinstehende, ältere Dame noch so viele gute Freundinnen und Freunde habe, die jünger sind als sie und sich um sie kümmern.

Glück trotz Rückschlägen

Dory Balmer hat viel erlebt. Sie erzählt von ihrem Aufenthalt in einer Schweizer Schule in Paris, von England, wo sie als Nanny auf einem riesigen Landgut mit einem wunderschönen Park für einen Lord gearbeitet hat. Dieser führte mit seinem Cousin eine Erdbeer-Farm, auf der Dory Balmer beim Pflücken mitarbeitete. «Man durfte die Erdbeeren nur mit Stiel ernten», erklärt sie, «damit sie auf den langen Fahrten in die grossen Städte Englands frisch blieben.» Auch an ihre Besuche in der Royal Albert Hall in London erinnert sie sich gerne. Die Loge gehörte ihrer spontanen und äusserst unkomplizierten englischen Gastfamilie. Die Nanny und Erdbeerpflückerin durfte nach getaner Arbeit manchmal mehrere Tage in London verbringen und Konzerte besuchen. So habe sie manche Oper gehört, habe Rubinstein und viele grosse Dirigenten auf der Bühne erlebt. Sie erzählt mit leuchtenden Augen. Man spürt, wie sehr ihr das gefallen hat.
Das Leben habe es gut mit ihr gemeint – trotz einiger Rückschläge: «Ich war zum Beispiel nie verheiratet», sagt sie. «Ich wollte mich um meine fünf Jahre jüngere, behinderte Schwester kümmern. Das habe ich jedoch nie als Pflicht, sondern als meine Aufgabe verstanden.» Die Schwester ist vor 30 Jahren verstorben. Im Pflegeheim, wo sie ihre beste Freundin, Betreuerin und engste Vertraute, Esther Röthlisberger, kennengelernt hatte. Mit ihr ist Dory Balmer seit vierzig Jahren befreundet.

Neugierig auf das Leben

Trotz ihrer Betreuungsaufgabe ist Dory Balmer viel gereist. In der Schweiz, aber auch Italien, Griechenland sowie Ägypten und Marokko gehörten zu ihren Zielen. Neben den Schweizer Bergen, die sie am liebsten wandernd überquert hat, habe sie die ostfriesische Insel Langeoog besonders beeindruckt. «Diese Weite», schwärmt sie. «Die Insel ist ganz klein, nur vier Kilometer breit und sieben Kilometer lang. Und es gibt keine Autos.» Dort habe sie ein Gefühl der Ruhe gespürt, wie sie es sonst nur mit autogenem Training erreichte.
Die gelernte Buchhändlerin und ehemalige Sekretärin ist eine anpackende Person, die sich gerne auch für andere einsetzt. Davon profitierte auch das damalige Alters- und Wohnheim Muri-Gümligen, das heutige Alterszentrum Alenia. 13 Jahre lang hat Dory Balmer nicht nur hier gelebt, sondern als freiwillige Mitarbeiterin auch im «Tea Room» im Service mitgeholfen. Sie kümmerte sich um die Blumen und führte die Kasse. Auch um die Weihnachtsdekoration und die Osternester für das ganze Haus hat sie sich zusammen mit ihrer Tischnachbarin und Freundin gekümmert. Die bald Hundertjährige erinnert sich, wie sie jeweils draussen Äste für die Osterbäume gesucht habe. Auch die Rosen im Garten habe sie geschnitten. «Und meinen Mitbewohnerinnen und -bewohnern habe ich die Balkonkistchen bepflanzt», sagt sie. Heute pflegt sie nur noch ihre eigenen Balkonpflanzen – Kräuter und farbenfrohe Stiefmütterchen. «Die Kräfte lassen schon langsam etwas nach.»
Dory Balmer profitiert im Alterszentrum Alenia von einem viergängigen Mittagessen und beansprucht neben dem Reinigungsdienst auch hauseigene Pflegeleistungen der Spitex (Spitin genannt). Das Pflegepersonal helfe ihr jeweils morgens und abends beim An- und Ausziehen der Stützstrümpfe.

Spontane Gartenfeste

Auch dem Koch ist sie früher gerne zur Hand gegangen und hat etwa gemeinsam mit ihm Zwetschgen gepflückt. Sie erinnert sich an manchen fröhlichen Schwatz – und blickt etwas wehmütig zurück: «Früher waren wir Bewohner und die Angestellten wie eine Familie.» Aber die Mitbewohner an der Bahnhofstrasse 43 seien bei ihrem Einzug auch alle noch jünger gewesen als heute. «Damals hat man noch keine über 80-Jährigen aufgenommen», erklärt Dory Balmer. Was sich seither noch verändert hat? «Ich wurde alt», sagt sie und lacht. «Aber ich bin froh, dass es mir geistig und körperlich noch so gut geht.» Viel Schönes habe sie im Alenia erlebt. «Manchmal habe ich mit der Nachtwache Eierlikör getrunken.» Lustig hätten sie es gehabt. Dory Balmer erzählt von Teevisiten und spontanen abendlichen Festen im Garten. «Man ging einfach hinunter in den Garten, es kamen immer mehr Menschen hinzu und alle haben etwas mitgebracht.» Sogar Hochzeitsgesellschaften hätten sich manchmal nach dem eigenen Fest zu ihnen gesellt, «weil wir es so lustig hatten», erzählt die bald Hundertjährige.


Dory and the boys

Auch mit der Feuerwehr verbrachte Dory Balmer nach einem Missgeschick fröhliche Stunden. «Ich wollte spätabends noch Tee kochen, hatte die Pfanne aber auf die falsche Platte gestellt, als ich mich meinem Kreuzworträtsel zuwandte.» Das merkte sie erst, als die Platte brannte und alles voller Rauch war. «Also habe ich Wasser ins Spülbecken eingelassen und das brennende Zeug mit meinen Backhandschuhen in die Spüle gefegt.» Als die Feuerwehr kam und fragte, wo es brenne, habe sie geantwortet: «Nirgends! Ich habe das Feuer bereits selber gelöscht.» Die Feuerwehrmänner wollten gar nicht mehr nach Hause, ihnen gefiel es bei Dory Balmer so gut, dass sie bis nach Mitternacht geblieben sind. «Meine Nachbarin dachte, ich feiere eine Party», erzählt sie lachend. Der Vorfall vor zwei Jahren war der Beginn einer grossen Freundschaft. Dory Balmer durfte dann dank einer Sondergenehmigung sogar einmal im Feuerwehrwagen auf der morgendlichen Tour von Allmendingen über Muri nach Gümligen mitfahren und auf die Hubleiter klettern. «Die ist 32 Meter hoch», erwähnt sie stolz. Und die Feuerwehrmänner hätten sie nach ihrer Hüftoperation sogar im Spital besucht. Sie zeigt auf ein Bild von sich, umringt von lachenden Feuerwehrmännern. «Dory and the boys» steht darüber.

Freundschaft als grösstes Geschenk

«Mir wird nie langweilig. Ich schätze, was sie hier alles für uns tun», sagt Dory Balmer. Oft gibt es Unterhaltungsnachmittage und kleine Konzerte. Aber für die Spielnachmittage habe sie keine Zeit. «Ich lese lieber und löse Kreuzworträtsel.» Auch das abwechslungsreiche Essen lobt sie. Zudem erfreut sie sich an den Dekorationen während der Themenwochen. Noch eine letzte Frage zu ihrem 100. Geburtstag, den sie am 13. April feiert. Was wünscht sie sich? Die Antwort kommt sofort: «Im Bett bleiben und die Storen unten lassen.» Sie lacht. «Nein», sagt sie ernst: «Ich will keine Geschenke, sondern wünsche mir, dass meine treuen Freunde weiter zu mir halten und mich unterstützen. Das ist mein grösstes Geschenk.»
Weil die bald Hundertjährige so viel fürs Alenia getan hat, möchten ihr die Verantwortlichen etwas zurückgeben. Sie organisieren einen Apéro riche für die Jubilarin, ihre 14 Gäste und die Bewohnerinnen und Bewohner der Bahnhofstrasse 43. Dory Balmer schliesst das Gespräch mit den Worten: «Ich bin glücklich, zufrieden und dankbar, dass ich hier meinen Lebensabend verbringen darf. In meiner schönen Wohnung, in einem gut geführten Haus, mit feinem Essen und lieben Angestellten.»

Cornelia Etter

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 01/2019 erschienen. Die gesamte Ausgabe können Sie hier herunterladen: PDF